Selbstverwaltete Genossenschaft mit anarchistischer und libertärer Ausrichtung
Die libertäre Genossenschaft ESPACE NOIR entstand in 1984. Sie renovierte das Gebäude, wo sie anschliessend ihren Betrieb aufnahm. Eine Beiz, ein Kino, eine Buch-handlung, eine Galerie, ein Theater / Konzertsaal und Wohnungen sind Teil davon.
Espace Noir soll drei Ansprüchen gerecht werden :
- dem Kampf gegen das kulturelle Absterben einer Randregion, die von der Uhrenindustriekrise und Abwanderung betroffen ist
- dem Aufzeigen einer anderen Vision, als die von der herrschenden Kultur propagierten
- dem eines Ortes sozialen Handelns und der Solidarität
ESPACE NOIR ist ein wichtiges Element des libertären Erbes. Es steht den verschiedenen anarchistischen Strömungen als Instrument zur Verfügung und ist offen für die unter-schiedlichsten Bewegungen, die sich im Arbeitskampf, in gesellschaftlichen Auseinander-setzungen, für alternative, feministische und ökologische Anliegen engagieren. Die Gründe, warum dieses Zentrum überleben muss, liegen in seinen Aktivitäten und seiner Infrastruktur und symbolischer, in seiner geografischen und geschichtlichen Situation (siehe Kasten: "Die Jura-Föderation").
Genossenschaft espace noir
Genossenschaft: ein gemeinsam durch seine Mitglieder verwaltetes Unternehmen. Die Mitglieder sind keinem Chef unterstellt. Sie haben alle die gleichen Rechte und Pflichten. (Selbstverwaltung)
Espace: ein Teil der Welt, offener Diskussionsort und allen zugänglich. Träger von Handlungen und Ideen, die im Zeichen des Austausches und Ausdruckes stehen.
noir: symbolische Farbe der Libertären und Anarchisten/Innen.
espace noir: das unbedruckte in einem Text ist weiss, ist Stille. Espace Noir will diese "sogenannte" Leere füllen, will sie zum Leben erwecken.
Genossenschaft espace Noir: Freiraum des Ausdrucks und des Dialoges, wird im Kollektiv von gleichberechtigten Leuten mit libertärer oder verwandter Ausrichtung verwaltet.
Die Jura-Föderation
Die Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA) wird 1864 gegründet. Sehr schnell werden in La Chaux-de-Fonds, Le Locle, St-Imier und im restlichen Schweizer Jura Sektionen gegründet.
Viele ArbeiterInnen , die beitreten sind noch HeimarbeiterInnen. Sie sind belesen und schätzen ihre Unabhängigkeit. Als 1869 Bakunin in diese Gegend kommt, bleibt diese Begegnung nicht folgenlos. Die ideelle Übereinstimmung wird aus der Jura-Föderation den libertären Pol der IAA machen. Jener Pol, der sich der marxistischen Fraktion widersetzt. Ausser sich über die Opposition unternimmt Marx alles in seiner Macht stehende, um diese Strömung auszuschalten.
1872 glaubt er, sein Ziel erreicht zu haben. Am Kongress von Den Haag gelingt es ihm, ein Maximum ihm ergebener Delegierter einzuschleusen. Delegierte, von denen einige nachgewiesener massen nicht existierende Sektionen vertreten. Der Ausschluss der Jura-Delegierten wird beantragt. Dank der künstlichen Mehrheit gelingt es ihm, Bakunin und James Guillaume ausschliessen zu lassen. Mangels einiger Stimmen scheitert der Ausschluss von Adhémar Schwitzguébel. Entsetzt darüber organisieren die Sektionen der IAA mit antiautoritärer Ausrichtung, insbesondere die von Spanien, Italien, Frankreich, Belgien und den USA einen Kongress in St-Imier. Die dort gefällten Beschlüsse sind klar libertär. Die antiautoritäre IAA überlebt den marxistischen Zweig bis ans Ende des letzten Jahrhunderts.
Erinnerungen eines ehemaligen Mitglieds von Espace Noir
Februar 1988, ich erinnere mich: Die Restrukturierung der SMH wird angekündigt. 150 Arbeitsplätze werden nach Biel verlegt, Longines löst sich weiter auf. 1968 beschäftigte die Fabrik tausend Personen, diese Zahl ist auf knapp dreihundert geschrumpft.
Aber es handelt sich nicht um Zahlen sondern um individuen, Existenzen... und zum ersten Mal seit langem scheint sich eine wirkliche Mobilisierung abzuzeichnen.
Plakate, Flugblätter, Artikel in der regionalen Presse, ständiger Kontakt mit der Gewerkschaft SMUV, die schwarze Fahne weht auf dem Gebäude, im Espace Noir wird kaum mehr geschlafen. Vom 15. des Monats wird das Theater im Untergeschoss ein Treffpunkt der zornigen Arbeiter von Longines. Wiederholte Zusammenkünfte, um zu verstehen, um sich für eine Vorgehensweise zu entscheiden. Eines Abends, der Saal ist bis zum Bersten gefüllt, auf der Bühne redet der Gewerkschaftssekretär, unterbrechen ihn plötzlich Stimmen:
-Wir haben nichts mehr zu verlieren. Streiken wir sofort!
Der Sekretär möchte in dem missbiligendem Stimmengewirr fortfahren, er wiederholt den Inhalt des Sozialplans... Es ist eine von der Gewerkschaft einberufene Sitzung, und sie kann keinen Streik beschliessen. Nichts zu machen: "Streiken wir!" Am Ende seines Lateins - und insgeheim zufrieden damit:
-Wenn ihr euch für den Streik entscheidet, verlasse ich den Saal, und ihr macht das untereinander aus, ausserhalb der Gewerkschaftssitzung!
Ein anderer Abend, jener der grossen Demonstration. Es schneit dreitausend Personen sind auf der Strasse, brennende Fakeln. Endlose Reihen, begleitet von Behördemitgliedern, die ausnahmsweise lieber kontrollieren als verhindern. Wir sind erschöpft, die vorherige Nacht verbrachten wir mit Malen von Spruchbändern, die nun über dem Demonstrationszug wehen, und schon macht sich Bitterkeit breit. Gewaltiger Leichenzug
Maurice Born
Soziale Kämpfe
Mitgründung des Arbeitslosenkomitees, Unterstützung der ArbeiterInnen von Longines nach Massenentlassungen, Mitbeteiligung an der Kampagne für eine Schweiz ohne Armee, Ideen statt Rassismus, Unterstützung der algerischen und kurdischen Völker... Die Geschichte von Espace Noir ist von seinem Engagement geprägt.
Espace Noir beherbergte das Arbeitslosenkomitee (Association pour la Défense des Chômeurs ADC) von St-Imier, da sie keinen eigenen Raum gefunden hatte. Seit das Komitee keine Anlaufstelle mehr betreibt (mangels AktivistInnen), kommt es regelmässig vor, dass sich Arbeitslose für Auskünfte oder Hilfe bei Rekursen ans Kollektiv wenden. Espace Noir informiert in der Region über die Aktionen und Kämpfe der BürgerInnenbewegungen, der Gewerkschaften und der Solidaritätsbewegungen, verteilt ihr Infomaterial und stellt es in seinen Schaufenstern aus.
In der Beiz liegen neben der lokalen und natio nalen Presse auch anarchistische, ökologische, gewerkschaftliche, linke... Publikationen auf. Vieles davon wäre sonst in der Gegend unauffindbar.